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Risikomanagement

„Et hätt noch emmer joot jejange“

Artikel drei des Rheinischen Grundgesetzes drückt der Volksmund humoristisch aus. In Ernsthaftes übersetzt leitet sich für Unternehmen daraus eine durchaus wichtige Frage ab. Was tun, damit es auch in der Praxis wirklich immer gut geht? Professor Dr. Michael Huth von der Fachhochschule in Fulda ist als Logistikfachmann Experte für das sogenannte Risikomanagement. Im Interview berichtet er, was das eigentlich ist.

Wozu braucht es ein Risikomanagement?

Stellen Sie sich vor: Sie buchen eine Reise. Können Sie die nicht antreten, ist im schlimmsten Fall der Reisepreis futsch. Also schließen Sie eine Reiserücktrittsversicherung ab. Gleiches gilt im Grunde für Unternehmen als Ganzes. Nur dass hier die Risiken in diffizileren Konstellationen lauern. Diese muss man erkennen, annehmen und managen. Risikomanagement ist also Aufgabe jeder Unternehmensführung.

Was bedeutet der Umgang mit Risiken speziell für die Logistik?

Es gibt die berühmten „R-Fragen“ der Logistik. Grundsätzlich muss das richtige Produkt im richtigen Zustand zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Nehmen Sie ein Chemieunternehmen: Sendet dieses einen falschen Rohstoff an einen weiterverarbeitenden Kunden, kann das bei der Weiterverarbeitung katastrophale Folgen haben. Aus Sicht eines Logistikers liegen die offensichtlichen Risiken in der Transportkette, wenn Auslieferziele nicht erreicht werden. Das kann dazu führen, dass Absatz, Umsatz und Gewinn einbrechen können.

Gibt es ein Gesetz, das Risikomanagement eigentlich unverzichtbar macht?

Ein vom Wortlaut her sehr sperriges: das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich, kurz KonTraG. Es wurde vor knapp 20 Jahren entwickelt und galt für Aktiengesellschaften. Aber Geschäftsführer von Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH), was viele Logistiker sind, sind nicht fein raus. Die Rechtsprechung geht von einer Ausstrahlungswirkung auf andere Rechtsformen aus. Der Geschäftsführer einer GmbH ist damit genauso persönlich haftbar, wenn er kein Risikomanagement, keine Früherkennung betreibt.

Welche Standards helfen, Risiken zu managen?

Wie man ein Risiko beherrscht, hat man oft intuitiv im Blick. Wer ins Ausland reist, denkt über eine Reiserücktrittsversicherung nach. Risikomanagement heißt eigentlich nur, diese Intuition in ein System, in eine bestimmte Regelmäßigkeit zu bringen. Das läuft nach einem einheitlichen Schema ab, mit Interpretation für den individuellen Fall. Wenn der Risikomanager sinnvolle Methoden einsetzt, dann ist die Gefahr, dass gravierende Risiken wirksam werden, deutlich reduziert.

Wie hat sich die Bedeutung des Risikomanagements entwickelt?

Das dauert noch an. Denn seien wir ehrlich: Das Thema ist für Unternehmen eher unsexy. Das ist etwas Nerviges, das administrativen Aufwand bedeutet und dessen Nutzen man nicht wirklich messen kann. Nun gibt es verschiedene Trigger dafür, Interesse an Risikomanagement zu haben. Einer ist, dass irgendetwas passiert ist. Wer einmal auf die heiße Herdplatte greift, wird das kein zweites Mal tun. Aus Erfahrung wird man klüger, versucht Risiken zu minimieren. Es gibt auch andere Auslöser. Manche Geschäftsführer lernen erst auf einem Seminar, dass sie persönlich haftbar sind. Wichtigster Faktor aber ist, dass es gerade in der Kontraktlogistik Ausschreibungen gibt, in denen das ausschreibende Unternehmen ein Risikomanagement verlangt – entsprechend der Zertifizierung DIN EN ISO 9001. Denn damit ist sichergestellt, dass der Dienstleister die Risiken im Blick hat und nicht nur irgendwie auf Sicht fährt.

Wird so etwas auch in Compliance-Vorschriften festgehalten?

Zum Beispiel. Sie müssen nachweisen, dass Sie ein Risikomanagement haben, sonst können Sie keine Geschäfte machen. Das bedeutet aber auch einen Wettbewerbsvorteil: Wenn andere Unternehmen ein solches Risikomanagement noch nicht implementiert haben, kann man sich absetzen. Dazu kommt: Wenn Sie als Unternehmen nach DIN EN ISO 9001 zertifiziert sind, müssen Sie bei der nächsten Re-Zertifizierung dem Auditor nachweisen, dass Sie ein Risikomanagement im Einsatz haben. Die ISONorm wurde vor zwei Jahren um diesen Punkt erweitert. Die Übergangsphase endet 2018. Ein „Es wird schon gut gehen“ reicht einfach nicht mehr.

Wie lange dauert es, ein Risikomanagementsystem einzuführen?

Das kommt darauf an, wie der Status quo ist. Ob man bei null anfängt oder ob es schonGrundlagen gibt. Wichtig ist, die Mitarbeiter des Unternehmens mitzunehmen. Das sind Fragen des Change-Managements und der Unternehmenskultur. Wie führe ich Veränderungsprozesse ein? Bei einem größeren Mittelständler dauert es etwa neun Monate bis ein Jahr, bis Sie ein erstes solides System entwickelt und eingeführt haben.

Warum ist es wichtig, die Mitarbeiter mitzunehmen – und wie gelingt das?

Jeder Mitarbeiter muss regelmäßig die Risiken in seinem Umfeld, in seiner Abteilung dokumentieren und wird dann eventuell noch zur Verantwortung gezogen. Workshops sind eine gute Möglichkeit, ihm diese Sorgen zu nehmen. Dann wird vielen klar: Ich muss mich mit den Risiken beschäftigen, auch wenn es anstrengend ist.

 

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Springer, ISBN: 3658058951